Kleingarten

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Über viele Jahre hat unser Kleingarten die dominierende Rolle in unserer Freizeitplanung eingenommen. Es ging auch nicht anders, weil wir uns um die Pflege eines lieben Menschen gekümmert haben und der Kleingarten der einzige Rückzugsort war. Jetzt haben sich unsere Lebensumstände geändert und wir wollten auch mal andere Dinge sehen als Hacken, Spaten und Rasenmäher. Vielleicht wird das verständlich, wenn man weiß, das wir zehn Jahre lang nicht in den Urlaub gefahren sind, sondern immer nur in den Garten. 2018 waren wir dann in den USA, 2019 auf einem Kurztrip in Tromsö, Norwegen und Campen auf der Mecklenburgischen Seenplatte. 2020 sollte es wieder in die USA gehen, wurde aber nichts draus wegen Corona. Und unser Garten geriet etwas ins Hintertreffen. Nicht, das wir nicht mehr regelmäßig dort waren. Einen Garten kann man nicht lange allein lassen, sonst läuft alles aus dem Ruder. Aber das war mehr so Routine. Oder doch schon lästige Pflicht?

Das ist vielleicht undankbar. Bestimmt wären viele Leute froh, wenn sie in Coronazeiten einen solchen Garten ihr eigen hätten nennen dürfen. Ohne vielleicht zu wissen, wie viel Arbeit es erfordert, bis die Dinge so aussehen wie sie aussehen. Denn die Natur lacht über unsere Pläne. Das hat sie schon von Anfang an getan und nicht nur das. Sie hat unsere Pläne auch durchkreuzt, wo sie nur konnte. Uns Wühlmäuse und Maulwürfe geschickt. Schnecken, Karnickel und Ameisen. Frost und Dürre. Aber sie hat uns nicht klein gekriegt. Vielleicht etwas zermürbt. Aber wir sind immer wieder hingegangen. Jedes Frühjahr, wenn alles matschig, nass und verbraucht aussah, haben wir in die Hände gespuckt und alles wieder hergerichtet. Meine Frau und ich.

Das „Haupthaus“ mit Anbau

Aber die Leidenschaft war weg. Alles wurde zur Gewohnheit. Bis Corona kam. Wir haben eine schöne Wohnung. Jedenfalls fühlen wir uns darin wohl. Wir haben auch einen Balkon. Aber es ist etwas anderes im Garten. Es war noch ruhiger als sonst. Von dem Sportplatz der Nachbargemeinde, der zwar nicht zu sehen, dafür umso besser zu hören ist, drang kein Laut zu uns. Kein Klatschen der Bälle an die Begrenzungszäune, kein Torjubel, kein Trainergebell, keine nervige Discomusik zur zusätzlichen Bespaßung der Zuschauer. Einfach nur Stille. Außer dem Vogelgezwitscher natürlich und hin und wieder ein quakender Frosch aus unserem Molchteich.

Geräteschuppen mit Werkstatt, davor besagter Molchteich

Vielleicht werden wir etwas weniger Gemüse anbauen in Zukunft. Die Mühe lohnt einfach nicht mehr für Gurken, Kohl und Zwiebeln. Alles das gibt es für wenig Geld im Supermarkt. Und wenn einem Jahr für Jahr Schädlinge oder das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, ist es irgendwann nicht mehr lustig. Denn irgendetwas ist immer ein Totalausfall. Auch die Obstabteilung ist immer wieder für eine Überraschung gut. Wir haben zwei Süßkirschen, zwei Sauerkirschen, zwei Birnbäume, einen Apfelbaum, eine Zwetschge, eine Mirabelle und einen Aprikosenbaum gepflanzt. Letzterer wird das Ende des Jahres nicht mehr erleben. Er ist ausgetrocknet und wir wissen nicht warum. Dazu kommen noch Beerensträucher. Wenigstens die sorgen Jahr für Jahr für Marmeladennachschub.

Der Garten 2014. Mittlerweile sind die Bäume groß.

Aber wir werden diesen Garten so lange bewirtschaften, wie es nur irgendwie geht. Wir haben sehr viel Geld investiert und von Blut, Schweiß und Tränen will ich garnicht erst anfangen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, unser kleines Paradies auf Erden weniger wert zu schätzen. Das war undankbar und ich schäme mich fast ein wenig. Denn wenn man abends nach dem Rasen mähen, etwas verschwitzt zwar, aber zufrieden, den Blick über das mit den eigenen Händen Geschaffene schweifen lässt, dann weiß man, was Glück bedeutet. Das Glück eines Kleingärtners. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen.

Wildblumenwiese

Letztes Jahr noch ein Versuch, dieses Jahr nachgebessert. Ich habe drei Wildblumeninseln geschaffen. Dreiecke mit jeweils einem Baum an den Ecken. Ziel war weniger Mähfläche. Das Ergebnis erfreut nicht nur zahlreiche Insekten, sondern auch unsere Herzen. Wir haben noch weitere Biotope geschaffen. Zum Beispiel den Molchteich, der Jahr für Jahr neben Fröschen und Teichmolchen auch den besonders geschützten Kammmolch beheimatet. Eine Ringelnatter schaut dann und wann am Teich vorbei und gönnt sich einen Frosch. Dann gibt es noch den Totholzhaufen. Eigentlich ist es ein Steinhaufen mit zahlreichen Hohlräumen, aber wir legen auch ausgegrabene Wurzeln und Äste dazu. In den Jahren ist er zugewachsen. Dort wohnen Kröten, Zaunkönige und hin und wieder wird ein Mauswiesel dort gesichtet. Ob es dort wohnt oder jagt? Wir wissen es nicht.

Totholzhaufen 2014

Bleibt noch zu erwähnen, das wir hier öfters die Wochenenden verbringen. Die größere Gartenlaube musste ich gleich zu Anfang (2007) neu bedachen, weil es reinregnete. Bei der Gelegenheit haben wir es etwas isoliert und den eigentlichen Backsteinbau mit einer Stülpschalung versehen. Innen musste natürlich auch alles ausgemistet und renoviert werden. Habe ich schon erwähnt, dass die beiden Parzellen, die jetzt unseren Doppelgarten ausmachen, völlig verwahrlost waren? Na ja, das Innere sieht jetzt jedenfalls so aus:

Schlafhütte

Die Wildblumeninseln in unserem Garten haben mir irgendwie geholfen, die ausgefallene USA-Reise zu verschmerzen. Denn das hatte ich ganz vergessen: Wie viel Trost man in einem Garten erfahren kann. Trost und Dankbarkeit für das, was man hat. Es ist ein Ort der Besinnung, zum runterkommen, zum entschleunigen. Ich habe mich immer gefragt, wie wir aus dem unansehnlichen Chaos ein Paradies gemacht haben und woher die Kraft für die ganzen Anstrengungen gekommen ist. Ich glaube, ich habe viele Arbeiten als Meditation empfunden und eher Energie gewonnen als verbraucht.

Wildblume

Wenn meine Frau und ich unter den Kirschbäumen sitzen und frühstücken, dann ist das für uns ein Luxus, der mit Geld nicht zu bezahlen ist. Die Welt dreht sich ein wenig langsamer und der Alltag ist weit weg. Man muss sich nur drauf einlassen bzw. loslassen. Es ist Urlaub für die Seele. Und das Gute ist, wir müssen nicht weit weg fahren.

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