Camping im Jahrhundertsommer

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Was haben die Experten noch im Mai getönt und gewarnt vor dem Jahrhundertsommer 2020. Diese Spacken hätten uns ja Mal besuchen können. Mitte Juli ist eigentlich Sommerzeit. Wir hatten uns die Kapuzen unserer Hoodies über den Kopf gezogen und saßen frierend in unserem Zelt, eingewickelt in Wolldecken, die wir uns extra noch vor Ort kaufen mussten. Am Gobennow-See bei Wesenberg in MeckPomm. Jahrhundertsommer. Ich lache mich weg. Aber es geht ja nicht mehr ohne Superlative und ohne Drama. Eigentlich war ja ein Urlaub in den USA geplant, vier Wochen mit dem Wohnmobil durch den Nordwesten. Aber aus bekannten Gründen wurde da nichts draus. Also hatten wir uns kurzentschlossen zu einem weiteren Jahr für Camping im Zelt entschieden. Für mich war es das vorerst letzte Mal.

Gobenowsee

Wir fuhren sonntags früh in Kiel los, ganz gemächlich, weil wir vor drei nicht auf den Platz können. Dann, um drei, passierten zwei Dinge: Die Anmeldung machte auf und es begann zu regnen. Na toll. Wir haben ein großes, schweres Tunnelzelt. Das hat man nicht mal eben schnell aufgestellt. Nach kurzer Zeit waren die Zeltbögen nass und voller Sand und ließen sich nur schwer durch die Führung schieben. Als es ans Aufstellen ging, war das ganze Zelt schon eingeweicht und noch schwerer. Aber es stand erst einmal. Meine tapfere Frau hat sich still in ihr Schicksal ergeben und trieb im mittlerweile ergiebigen Regen einen Hering nach dem anderen in den Waldboden. Warum die Abspannhaken Hering heißen? Keine Ahnung. Ich entlud derweil weiter das Auto und kümmerte mich um die Inneneinrichtung.

Wenn man dann in trockenen Klamotten im Zelt sitzt, ist der Regen eigentlich nicht mehr so schlimm. Bloß hatten wir keine Winterklamotten eingepackt, nur leichte Sachen halt. Keine Wolljacken, keine Wolldecken, keine Gummistiefel, nada. Jetzt, mit Einbruch der Dunkelheit, waren es draußen nur noch erbärmliche zehn Grad. Und wer nimmt schon einen Heizlüfter mit zum Camping im Jahrhundertsommer? Wir jedenfalls nicht. Im benachbarten Mirow steht ein kik auf der grünen Wiese. Dort kauften wir bei der ersten Gelegenheit noch warme Sachen und Wolldecken gab es beim schwarzen Netto in Wesenberg. Es gibt auch noch einen roten Netto auf der anderen Straßenseite. Wusste garnicht, daß es zwei Nettos gibt. Was man alles so lernt im Urlaub…

Zeltplatz 2019

Die ersten beiden Urlaubstage würde ich mal mit Aprilwetter beschreiben. Der Mittwoch war allerdings Novemberwetter, es regnete nur einmal. In Strömen, von morgens bis abends. Der Rest der Woche war wieder Aprilwetter. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Bücher hintereinander weg gelesen. Ach so, auf dem Campingplatz am Gobenowsee gibt es kein Netz. Man kann zu Fuß etwa einen Kilometer Richtung Seewalde laufen, da gibt es eine Stelle, wo man Empfang hat. Gleich, wenn der Waldweg in die Landstraße mündet. Oder man fährt die fünf Kilometer nach Wesenberg, wenn man seinen kindle mit neuem Lesestoff aufladen will.

Die Straße nach Wesenberg über Drosedow ist sehr schmal. Zwei Autos passen nicht aneinander vorbei, mindestens einer muss auf den unasphaltierten Randstreifen ausweichen, besser beide. Der ist aber schon recht verdichtet und gut befahrbar. Auch für Radfahrer. Es gibt aber auch Rad fahrende Arschgeigen, die meinen, es wäre ihr gutes Recht, mitten auf der Straße zu fahren. Vor mir her. Wo die Reizschwelle dank Dauerregens eh schon sehr, sehr niedrig liegt. Aber was soll ich machen? Ich fahre keine fünf Kilometer hinter einem Arschloch her, also nutzte ich die erste Gelegenheit, um vorbei zu kommen. Für mein Überholmanöver heimste ich mir einen Stinkefinger ein. Vollbremsung. Wortgefecht. Ich wurde belehrt, daß ich beim Überholen einen Meter fünfzig Mindestabstand einzuhalten habe. Gerne. Aber dann fahre mit deinem Oberlehrerarsch nicht mitten auf der Straße, du Honk!!!

A propos Mindestabstand. Camping in Coronazeiten ist auch nicht jedermanns Sache. In den Waschräumen ist jedes zweite Waschbecken mit rot-weissem Absperrband umwickelt, um den Sicherheitsvorschriften genüge zu tun. Auf der Männertoilette sind aber alle Pissoirs frei gegeben, der Abstand gleicht dem der Waschbecken. Also entweder hat das Absperrband nicht gehalten oder man geht davon aus, das Coronaviren hier auf dem Männerklo eh keine große Überlebenschance haben. Die meisten Camper, vor allem Dauercamper, sind aber mit der Situation eher locker umgegangen. Man sah aber hin und wieder Leute den Waschraum ansteuern, die das Gesicht hinter der Maske zur Faust geballt hatten. Panik loderte in deren Augen. Solchen Leuten möchtest du nicht unmaskiert begegnen geschweige denn den Mindestabstand verletzen. Ein strenges Verhör bei der Coronapolizei wäre die Folge.

Zeltplatz 2020

Die zweite Woche wurde etwas besser. Wir hatten die kulturellen Höhepunkte, die bei Regenwetter angesagt sind, abgehakt. Für DDR-Nostalgiker gibt die Umgegend schon einiges her und man fühlt sich zurückversetzt in den Arbeiter- und Mauernstaat. Manchmal wird aus einer Reise eben eine Zeitreise. Trotzdem sind wir nicht hier gewesen, um Bauwerke zu besichtigen oder Ausstellungen zu besuchen. Wir waren hier, um Kajak zu fahren, im Wald zu spazieren und die Seele baumeln zu lassen. Und nun war die Hälfte der Zeit schon um. Wenigstens konnten wir uns zum Frühstück vor das Zelt begeben und mussten nicht drinnen hocken. Um es vorweg zu nehmen: Unser Kajak, ein KXOne 485 Slider, kam während des gesamten Aufenthalts nicht zum Einsatz. Wir sind eben keine abgehärteten Eskimorollen-Wildwasserkanuten, sondern Schönwetterpaddler. Unserem fortgeschrittenen Alter angemessen.

Wir waren die Frühaufsteher auf dem Campingplatz und meine Frau hatte meist die Pole Position in der Schlange vorm Kiosk inne, wo es die leckeren Frühstücksbrötchen gab. Und jeden Morgen mischte sich ein Geräusch unter das Vogelgezwitscher, das nicht so recht passen wollte. Als wenn jemand einen Koffer auf dem Bahnhofsvorplatz hinter sich her zog. Aber nein, es waren keine Reisenden, sondern Dauercamper, die die Abwasser-Kassetten ihrer Wohnwagen zum Ausleeren hinter sich her rollerten, weniger als fünfzig Meter zu den Sanitärräumen. Jeden Tag. Da ich Zeit zum Nachdenken hatte – sehr viel Zeit – fragte ich mich, ob es vielleicht nicht sinnvoller wäre, zum Kacken gleich die Sanitärräume aufzusuchen als seine Hinterlassenschaften erst noch zwischenzulagern. Aber es waren meist ältere Herrschaften, die des Nachts vielleicht öfter müssen müssen. Ich weiss es nicht. Ich werde es aber bald erfahren, denn auch an mir nagt der Zahn der Zeit. Schneller als mir lieb ist. Denn am letzten Tag konnte ich mich nach dem Aufstehen eine ganze Weile lang kaum noch bewegen geschweige denn den Rücken irgendwie schmerzfrei gerade machen. Zwei Wochen schlafen auf der Isomatte forderten Tribut.

Happy Camper?

Ich sag es mal so: Die Mecklenburger Seenplatte ist ein tolles Revier für Paddler und Angler. Auch Wanderer und Pilzsucher kommen voll auf ihre Kosten. Radfahrer können sich hier austoben, so lange sie nicht vor mir her fahren. Wer gerne im Zelt sitzt und liest, kann das hier prima machen. Aber es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten, wenn das Wetter nicht mitspielt und der Hochsommer sich wie Spätherbst anfühlt. Mein Bedarf an Zeltcamping ist jedenfalls gedeckt. Aber es gibt ja noch andere Arten des Campings. Wildcamping im Hochdachkombi. Das probieren wir jetzt aus.

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